Steckbrief
Name: Timm Sommer
Familienstand: Ledig
Hobbys: Warhammer Figuren bemalen, lesen
Timm sitzt zwischen Farben, kleinen Pinseln und einer Armee aus Figuren, die aufgereiht sind wie stille Zeugen eines Lebens, das schon mehr Brüche getragen hat, als man einem Dreißigjährigen von außen ansehen würde. In seinem Zimmer ist alles sorgfältig geordnet, fast zärtlich. Warhammer-Figuren in Reihen, Bücher, Dinge mit Bedeutung. Wer ihn so sieht, könnte glauben, hier sitze einfach ein ruhiger Mann mit einem besonderen Hobby, jemand, der gern für sich ist, gern liest, gern in andere Welten eintaucht. Was man nicht sieht, ist, wie oft ein Mensch sich innerlich neu zusammensetzen muss, wenn ihm das Leben etwas nimmt, das gestern noch selbstverständlich war. Und wie still ein Schicksal manchmal beginnt — mit ein paar Schritten zu viel, einem Schmerz, der erklärbar scheint, und einer Ahnung, die noch keiner ernst genug nimmt.
Name: Timm Sommer
Familienstand: Ledig
Hobbys: Warhammer Figuren bemalen, lesen
Ich bin in Neubrandenburg geboren, im Vogelviertel, und irgendwie bin ich diesem Teil meines Lebens nie wirklich entkommen. Vielleicht will man das auch gar nicht. Es gibt Orte, die tragen einen in sich, selbst wenn man längst glaubt, erwachsen geworden zu sein. Bei mir war vieles lange vertraut: meine Familie, die Stadt, die Wege, die Rituale. Ich bin der Älteste. Erst kam mein kleiner Bruder, drei Jahre nach mir, später meine Schwester, viel jünger, fast eine andere Generation. Bei meinem Bruder war es immer leicht. Wir mochten dieselben Dinge, wollten an dieselben Orte, hatten denselben Takt. Bei meiner Schwester musste ich erst lernen, dass Nähe nicht immer Gleichheit braucht. Sie war einfach sie. Und wir waren trotzdem verbunden.
Familie war für mich nie etwas Lautes. Eher etwas Verlässliches. Immer da. Meine Eltern in der Nähe, mein Bruder nur ein paar Minuten entfernt, sonntags fest bei meinen Eltern. So etwas trägt einen, ohne dass man es jeden Tag bewusst merkt. Man lebt darin wie in einer zweiten Haut.
Beruflich hatte mein Weg erst einmal in eine andere Richtung geführt. Ich habe ursprünglich die Ausbildung zum operationstechnischen Assistenten gemacht. Krankenhaus, OP, sterile Abläufe, präzise Handgriffe, alles durchgetaktet. Ich habe dort viel gelernt, auch Dinge, die einen härten. Aber mir fehlte etwas, das ich lange nicht so genau benennen konnte. Der Mensch fehlte mir. Nicht der Körper auf dem Tisch. Nicht der Fall. Der Mensch. Der direkte Bezug, das Gespräch, das Dazwischen, die Beziehung. Ich wollte nicht nur funktionieren in einem System, das mich fachlich fordert, aber innerlich leer lässt.
Also bin ich noch einmal neu gestartet. Noch einmal Ausbildung. Noch einmal umgelernt. Nicht, weil ich planlos war. Sondern weil ich irgendwann gemerkt habe, dass es Mut braucht, dem eigenen Gefühl zu glauben. Ich bin zu wilma. gekommen, habe in der WG Hauerweg angefangen, später die Pflegeausbildung gemacht und bin geblieben. Weil ich dort etwas gefunden habe, das ich im OP vermisst hatte: Nähe. Ehrlichkeit. Bedeutung.
Pflege hat mich nicht deshalb gehalten, weil sie leicht ist. Eher im Gegenteil. Sie verlangt dir viel ab. Zeit, Kraft, Haltung, manchmal auch das, was man gar nicht abrechnen kann. Vielleicht sogar vor allem das.
Früher hätte ich vieles nüchterner beschrieben. Hätte vielleicht gesagt: Arbeit ist Arbeit, Dienst ist Dienst, und was darüber hinausgeht, ist nett, aber nicht notwendig. Heute weiß ich, dass genau da der Kern liegt. Es reicht nicht, dass ein Mensch versorgt ist. Es reicht nicht, dass alles sauber, pünktlich und korrekt erledigt ist. Ein Mensch kann gewaschen sein und sich trotzdem verloren fühlen. Kann medizinisch gut betreut sein und innerlich allein bleiben. Dann fehlt trotzdem etwas Entscheidendes.
Ich habe in der Pflege gelernt, dass Ehrlichkeit manchmal die größte Form von Respekt ist. Dass man Angehörigen nicht versprechen darf, was man nicht halten kann. Dass Offenheit oft mehr trägt als Beschwichtigung. Und dass Nähe nicht bedeutet, alles leichter machen zu können — sondern dazubleiben, auch wenn es schwer ist.
Es gab Klienten, die haben Spuren hinterlassen, ohne es zu wissen. Menschen, mit denen ich mich verstanden habe, weil zwischen uns mehr war als Aufgabe und Dienstplan. Vertrauen. Ein gemeinsamer Humor. Das Gefühl, dass man nicht nur hilft, sondern wirklich gemeint ist. Manche von ihnen sind gestorben. Und nein, daran gewöhnt man sich nicht. Man wird vielleicht professioneller im Umgang. Aber nicht unberührbar.
Ich glaube nicht, dass man in diesem Beruf gut sein kann, ohne etwas von sich dalassen zu müssen. Sonst würde man nur noch abarbeiten. Und Menschen merken das.
Ich erinnere mich an Verluste, die mich getroffen haben, obwohl sie nach außen vielleicht gar nicht so groß wirkten. Eine Bewohnerin im Hauerweg zum Beispiel, mit der ich mich vom ersten Tag an besonders gut verstanden hatte. Sie starb kurz vor meiner Prüfung. Fünf Tage vorher. Es war, als hätte etwas in mir einen Knick bekommen. So unspektakulär sich das von außen anhören mag, so tief saß es in mir. Ich brauchte Zeit, um das zu sortieren. Und wahrscheinlich sortiert man solche Dinge nie ganz fertig.
Auch aus meiner ersten Ausbildung im OP sind Bilder geblieben, die sich nicht einfach abschütteln lassen. Ein kleines Kind. Ein Familienvater. Situationen, in denen das Leben innerhalb eines Augenblicks kippt. Damals habe ich begriffen, dass Tod nicht gleich Tod ist. Dass Alter, Umstände, Geschichte — all das mit im Raum steht, auch wenn niemand es ausspricht. Vielleicht hat mich genau das später in der Pflege anders hinsehen lassen. Mit mehr Demut. Mit mehr Geduld. Und mit dem Wissen, dass hinter jedem Menschen etwas liegt, das ich nie ganz kennen werde.
Ich glaube, solange einem selbst nichts Grundsätzliches genommen wird, lebt man in einer stillen Täuschung. Man weiß theoretisch, dass alles zerbrechlich ist. Aber man glaubt es nicht wirklich.
Bei mir fing es nicht dramatisch an. Eher so, wie Dinge anfangen, die später ein ganzes Leben verändern. Schmerzen. Belastung. Ein Fuß, der nicht mehr mitmacht, wie er soll. Ich habe es eingeordnet als Überlastung, als etwas, das wieder wird. Vielleicht auch, weil ich aus dem medizinischen Bereich komme und sich Fachwissen manchmal mit Verdrängung vermischt. Man kennt die Möglichkeiten — und hält doch an der harmloseren fest.
Irgendwann konnte ich nur noch kurze Strecken laufen. Dann kam der Moment, in dem ich kein Gefühl mehr im Fuß hatte. Von da an ging alles schnell und gleichzeitig unerträglich langsam. Klinikum. Versuche, etwas zu retten. Medikamente. Eingriffe. Hoffen ohne große Hoffnung. Rostock. Spezialzentrum. Weitere Operationen. Fachbegriffe, Blutwerte, Apparaturen. Und dazwischen ich, der begriffen hat, dass der Körper manchmal längst entschieden hat, bevor der Kopf hinterherkommt.
Als ich merkte, dass das Bein immer blauer wurde und das Gefühl nicht zurückkam, war da in mir nicht mehr diese große dramatische Illusion. Eher Klarheit. Nüchtern. Fast hart. Ich wusste, dass es wahrscheinlich nicht gut ausgehen würde. Also habe ich angefangen, mich mit Prothesen zu beschäftigen, bevor überhaupt endgültig ausgesprochen war, was kommen würde. Nicht, weil es mir egal war. Sondern weil Realität für mich leichter zu tragen ist, wenn ich ihr ins Gesicht sehe.
Als die Ärzte über Amputation sprachen, war das für mich nicht der Moment des Zusammenbruchs. Eher der Moment, in dem eine Befürchtung einen Namen bekam. Der erste Gedanke war nicht einmal Trauer. Es war Erleichterung. Weil ich wusste, dass es sonst nur noch schlimmer werden würde. Dass das Festhalten an etwas, das nicht mehr zu retten ist, nicht immer Hoffnung bedeutet. Manchmal bedeutet es nur mehr Leid.
Die eigentliche Tragweite kommt nicht im OP. Nicht im Gespräch. Nicht in dem Augenblick, in dem etwas entschieden wird. Sie kommt später.
Sie kommt, wenn du im Rollstuhl sitzt und merkst, dass Wege, die früher nichts waren, plötzlich zu Hindernissen werden. Wenn du nicht mal eben einkaufen kannst. Wenn eine Bordsteinkante eine Grenze ist. Wenn du für Dinge Hilfe brauchst, die früher keine Gedanken wert waren. Wenn deine Welt kleiner wird, ohne dass dein Kopf schon hinterhergekommen ist.
Ich glaube, das Schwerste war nicht nur der Verlust meines Unterschenkels. Es war das Angewiesensein auf Andere. Dieses Gefühl, dass selbst Kleinigkeiten plötzlich nicht mehr allein gehen. Dass jemand zum Rathaus für dich fährt. Dass mein Vater Dinge in seiner Arbeitszeit mit erledigt. Dass meine Mutter fragt, ob mein Bruder mir schnell etwas vorbeibringen soll, und du reflexhaft sagen willst: Nein, lass mal. Nicht, weil du die Hilfe nicht brauchst. Sondern weil Annehmen manchmal schwerer ist als Kämpfen.
Ich war nie gut darin, viel zu nehmen. Eher darin, selbst zu tragen. Große Geschenke machen, ja. Hilfe bekommen, schwieriger. Und auf einmal bestand mein Alltag genau daraus: Hilfe zulassen, obwohl alles in mir lieber gesagt hätte, ich schaffe das allein.
Wenn ich an diese Zeit denke, dann sehe ich nicht zuerst Kliniken oder Flure. Ich sehe Gesichter.
Meine Mutter, die viel trauriger war, als ich es für mich selbst zulassen wollte. Meinen Vater. Meine Geschwister. Alle auf ihre Weise getroffen von etwas, das eigentlich meinen Körper betraf, aber uns als Familie getroffen hat. Ich glaube, für sie war es schlimmer als für mich. Vielleicht, weil ich mich sehr früh gezwungen habe, realistisch zu sein. Vielleicht auch, weil Angehörige oft hilfloser leiden als der Mensch, der mitten im Geschehen steckt.
Ich habe versucht, Sicherheit auszustrahlen. Habe gesagt, dass es besser wird, dass das Bein dran zu lassen am Ende nur mehr Schaden bedeutet hätte. Für mich war das logisch. Für sie wahrscheinlich manchmal zu ruhig. Zu gefasst. Fast so, als würde ich etwas wegdrücken, das sie deutlich gespürt haben. Im Nachhinein glaube ich, ich hätte ihnen mehr zeigen müssen, dass Gefasstheit nicht Gleichgültigkeit ist. Dass ich nicht weniger fühle, nur weil ich nicht alles nach außen trage.
Und dann sind da noch die Menschen aus meinem beruflichen Leben, die längst mehr geworden sind als das. Klienten, Kollegen, Wegbegleiter. Einer von ihnen ist mir besonders nah geblieben: ein junger Mann, jünger als ich, mit einer Krankheit, die den Körper Stück für Stück verlässt, bis selbst kleinste Bewegungen nicht mehr möglich sind. Ich habe gesehen, wie viel ein Mensch verlieren kann und trotzdem lacht. Wie viel Würde in einem Leben liegen kann, das von außen nur wie Verlust aussieht. Das hat etwas mit mir gemacht.
Vielleicht auch deshalb sehe ich mein eigenes Schicksal nie als das Schlimmste. Nicht, weil ich mich kleinmachen will. Sondern weil ich erlebt habe, dass Schmerz keine Rangliste braucht. Mein Schmerz war echt. Aber er hat mich auch gelehrt, wie groß andere Lasten sein können. Und wie unglaublich Menschen darin sind, trotzdem weiterzumachen.
In dieser ganzen Zeit habe ich etwas über mich gelernt, das ich vorher nur am Rand kannte. Ich dachte lange, ich sei wilder. Unruhiger. Mehr auf Tempo, mehr auf Außen, mehr auf das, was man erlebt. Früher war da viel unterwegs sein, Festivals, Techno, Städte, Menschen, Nächte, Lautstärke. Heute sitze ich lieber mit einem Buch da oder male Figuren an. Höre einen Podcast. Habe Ruhe.
Das ist kein plötzlicher Bruch, eher eine Wahrheit, die deutlicher geworden ist. Ich war vielleicht schon immer so. Das Leben hat mich nur gezwungen, genauer hinzusehen.
Auch die Gespräche mit einer Psychologin haben mir nicht dabei geholfen zu verstehen, was passieren könnte — das wusste ich längst. Aber sie haben mir geholfen zu verstehen, wer ich eigentlich bin. Dass ich ruhiger bin, als ich dachte. Gelassener. Dass nicht der Lärm mein Kern ist, sondern eher die Stille, in der ich klar werde.
Ich habe Routinen entwickelt. Nicht, weil ich besonders diszipliniert sein will. Sondern weil Routinen etwas zurückgeben, wenn das Leben die Form verloren hat. Ich mache Sporteinheiten, vormittags und nachmittags. Ich übe, so gut es geht. Ich warte auf die Prothese und gleichzeitig warte ich nicht nur. Ich will nicht bloß wieder gehen lernen. Ich will wieder leben, arbeiten, Wege zurückerobern, „normal“ sein und gleichzeitig wissen, dass dieses „Normal“ nie wieder das alte sein wird.
Ich vermisse die Arbeit. Wirklich. Nicht verklärt. Nicht romantisiert. Ich vermisse den Sinn darin. Den Kontakt. Den Alltag. Das Gefühl, gebraucht zu werden auf eine Weise, die über mich selbst hinausgeht.
Ich will wieder zurück. Nicht irgendwann als schöne Vorstellung, sondern wirklich. Mit einer funktionierenden Prothese. Mit einem Körper, dem ich neu vertrauen muss. Mit einem Alltag, der vielleicht anders bleibt, aber wieder meiner wird.
In einem Jahr will ich nicht mehr im Hauerweg wohnen. So gut und wichtig dieser Ort für mich gerade ist — er soll nicht das Ende meiner Geschichte sein. Ich will wieder in eine eigene Wohnung. Am liebsten näher an Neustrelitz, näher an der Arbeit, näher an einem Leben, das sich wieder nach Zukunft anfühlt. Ich will, dass die großen Abstürze ausbleiben. Kleine Wellen, ja. Die hat jeder. Aber kein freier Fall mehr.
Und vielleicht ist das Erwachsensein am Ende genau das: nicht von einem perfekten Leben zu träumen, sondern von einem tragbaren. Von einem, das wieder nach vorne zeigt.
Mensch sein, das habe ich in all dem begriffen, lässt sich nicht von außen lesen. Nicht an einem Beruf. Nicht an einem Rollstuhl. Nicht an Hobbys, nicht an Narben, nicht an dem, was fehlt.
Menschen sind keine klaren Geschichten. Sie sind Widersprüche. Stärke und Erschöpfung. Nüchternheit und Schmerz. Rückzug und Sehnsucht. Humor, obwohl etwas weh tut. Hoffnung, obwohl man schon erlebt hat, wie schnell alles kippen kann.
Ich habe in der Pflege gelernt, dass man Menschen nicht so behandeln sollte, wie man selbst behandelt werden will, sondern so, wie sie es brauchen. Das klingt einfacher, als es ist. Es verlangt, dass man das eigene Maß nicht zum einzigen macht. Dass man zuhört. Hinsieht. Offen bleibt. Dass man nicht glaubt, den anderen schon verstanden zu haben, nur weil man ihn ansieht.
Vielleicht gilt das nicht nur für Pflege. Vielleicht gilt es für alles.
Timm sitzt noch immer zwischen seinen Figuren, Büchern und Farben. Ein Mann von dreißig Jahren, der in einem Zimmer lebt, in dem viel mehr aufgehoben ist als nur Hobby und Alltag. Da ist Geduld. Da ist Verlust. Da ist ein Beruf, der erst sein Weg war und dann plötzlich wieder zu seinem Ziel wurde. Da ist Familie, die ihn hält. Da ist ein Blick auf das Leben, der stiller geworden ist und vielleicht gerade deshalb tiefer. Und da ist etwas, das man nicht lernen kann, nur weil man Medizin kennt oder Leid schon oft gesehen hat: die Kunst, trotz allem nicht hart zu werden.
Von außen könnte man meinen, er sei einfach ruhig. Ein bisschen schüchtern vielleicht. Jemand, der gern liest und Figuren bemalt. Man müsste schon länger bleiben, um zu begreifen, wie viel Mut manchmal in einem Menschen wohnt, der gar nicht laut von ihm spricht.
Zum Ende unseres Gesprächs Frage ich Timm was es heißt für ihn heißt Mensch zu sein und seine Antwort ist gleichzeitig so simpel und trotzdem tiefer als vieles andere.
Timm antwortet Mensch sein heißt für mich, ich sein, einfach ich.