Steckbrief
Name: Dagmar Siebert
Alter: 43
Familienstand: Ledig
Es gibt Menschen, die einen Raum heller machen, ohne besonders laut zu sein. Menschen, deren Lachen ansteckend ist, weil es ehrlich klingt, nicht gespielt, nicht bemüht, sondern wie etwas, das trotz allem geblieben ist.
Dagmar Siebert ist so ein Mensch.
Als sie die Tür zu ihrer Wohnung öffnet, empfängt sie mich mit genau dieser Leichtigkeit. Sie lacht viel. Nicht übertrieben. Nicht, um etwas zu überspielen. Sondern weil Wärme zu ihr gehört wie das Atmen. Erst später erzählt sie, dass sie eigentlich gar nicht der Mensch ist, der sofort auf andere zugeht. Dass sie Zeit braucht, um Vertrauen zu fassen, lieber erst beobachtet, bevor sie spricht. Man würde es kaum vermuten.
Vielleicht liegt genau darin ihre besondere Art.
Denn hinter ihrem Lachen versteckt sich nichts. Es schützt auch nichts. Es ist vielmehr das Ergebnis eines Lebens, das sie gelehrt hat, dass Hoffnung manchmal die mutigste Entscheidung überhaupt ist.
Während wir im Wohnzimmer sitzen, fällt mein Blick immer wieder durch die Wohnung. Sie erzählt ihre Geschichte, lange bevor das erste Wort gesprochen wird. Drei Schlafzimmer gehören ihren Söhnen. Für sie selbst bleibt das Wohnzimmer. Eine Selbstverständlichkeit, über die sie vermutlich nie sprechen würde. Und doch beschreibt sie diese Frau besser als jede Vorstellung es könnte.
Sie gehört zu den Menschen, die sich selbst oft ein Stück zurücknehmen, damit andere Raum haben.
Nicht, weil sie müssen.
Sondern weil sie lieben.
Und genau darin beginnt ihre Geschichte.
Name: Dagmar Siebert
Alter: 43
Familienstand: Ledig
Ich bin in Anklam groß geworden, in einer Stadt, die für mich Heimat war und Enge zugleich, ein Ort, an dem ich die ersten zwanzig Jahre meines Lebens verbracht habe und von dem ich irgendwann glaubte, dass ich ihn verlassen müsste, um herauszufinden, wer ich eigentlich bin.
Ursprünglich wollte ich gar nicht in die Pflege. Ich hatte andere Pläne, wollte vielleicht in den Einzelhandel oder ins Hotel, hatte sogar schon einen Ausbildungsplatz in Hamburg, alles war vorbereitet, alles hätte in eine ganz andere Richtung gehen können. Dann kam die Liebe dazwischen, wie sie das manchmal tut, ohne sich vorher anzukündigen, und plötzlich war Hamburg nicht mehr das Ziel, sondern Anklam blieb der Ort, an dem ich erst einmal weitermachte.
Ich begann ein freiwilliges soziales Jahr im Krankenhaus. Eigentlich nur als Zwischenlösung gedacht. Aber dann merkte ich, dass mir diese Arbeit lag, dass ich mich auf der Station wohlfühlte, dass ich mit Menschen umgehen konnte, auch wenn ich selbst nie der Mensch war, der sofort laut in einen Raum hineingeht und überall seinen Platz findet.
Trotzdem habe ich gezweifelt. Kurz vor Beginn der Ausbildung zur Gesundheits- und Krankenpflegerin habe ich noch einmal überlegt, ob ich nicht doch ins Hotelfach gehen sollte. Wochenenden, Schichtdienst, Verantwortung, all das erschien mir plötzlich viel. Aber am Ende bin ich geblieben. Und heute weiß ich, dass es richtig war.
Meine Ausbildung war schön, aber sie war nicht leicht. Ich musste die Berufsschule wechseln, kam in eine neue Klasse, musste mich wieder einfinden, obwohl genau das nie meine Stärke war. Ich brauche Zeit, um warm zu werden. Ich beobachte erst, bevor ich mich öffne.
Im Krankenhaus gab es damals noch einen anderen Ton. Als Auszubildende musste man einiges aushalten. Es gab Ärzte, die hart waren, Situationen, in denen man klein wurde, obwohl man eigentlich lernen wollte. Ich erinnere mich an Momente, in denen ich einfach dastand und nicht wusste, welche Frage ich stellen sollte, und dafür angeschrieben wurde.
Heute, wenn ich mit unseren Auszubildenden arbeite, denke ich manchmal daran zurück. Nicht verbittert, eher wach. Ich weiß, wie es sich anfühlt, unsicher zu sein. Ich weiß, wie viel ein guter Umgang verändern kann. Vielleicht bin ich auch deshalb in der Ausbildung gelandet, weil ich irgendwann nicht nur Pflege weitergeben wollte, sondern auch das Gefühl, dass man wachsen darf, ohne vorher perfekt sein zu müssen.
Nach der Ausbildung führte mich das Leben erst in einen Pflegedienst, der nicht mein Ort war, und dann nach Kiel. Wieder war es eine Entscheidung, die mit einem Menschen zusammenhing. Aber ich habe solche Entscheidungen nie bereut, weil man im Leben nun einmal nicht im luftleeren Raum entscheidet. Man entscheidet mit dem Herzen, mit Umständen, mit Hoffnungen, manchmal mit jemandem an der Seite, und trotzdem gehört der Weg einem selbst.
Kiel hat mich überrascht. Ich kam aus Anklam, wo ich mich in meiner Jugend oft eingeschränkt gefühlt hatte, und fand plötzlich eine Stadt, die mich aufnahm. Die Menschen waren herzlich, offener, als ich es erwartet hatte. Ich arbeitete in der Intensivpflege, fühlte mich wohl, hatte ein tolles Team und zum ersten Mal das Gefühl, dass ein Ort groß genug sein kann, um freier zu atmen.
Dort wurde ich auch Mutter.
Mein erster Sohn kam in einer Zeit, in der nicht alles geordnet war. Ich war jung, das Geld knapp, das Leben eng getaktet. Ich ging früh wieder arbeiten, nachts, während andere vielleicht gesagt hätten, dass das zu viel sei. Aber es ging nicht anders. Wir hatten keine großen Wahlmöglichkeiten. Also machten wir weiter. Arbeiten, organisieren, Kind versorgen, irgendwie durchkommen.
Wenn ich heute darauf schaue, würde ich manches anders machen. Aber damals war es unser Leben. Nicht ideal, nicht leicht, aber echt.
Mit einem Kind verändert sich nicht nur der Alltag. Es verändert sich der Blick auf alles. Plötzlich möchte man jemanden zeigen, woher man kommt. Plötzlich fehlt Familie anders. In Kiel war vieles schön, aber da war niemand, dem ich mein Kind einfach zeigen konnte, niemand, der selbstverständlich Teil dieses neuen Lebens war.
Dieses Alleinsein hat etwas mit mir gemacht. Nicht dramatisch von außen, aber innen schon. Es war diese Mischung aus Müdigkeit, Verantwortung und dem Wunsch, nach Hause zu können, nicht unbedingt an einen perfekten Ort, sondern dorthin, wo es Menschen gibt, die dazugehören.
Später führte mich der Weg nach Greifswald, nach Rostock, nach Neubrandenburg. Immer wieder neue Orte, neue Arbeit, neue Aufgaben. Ich arbeitete in der Kinderintensivpflege, in der Häuslichkeit, in Teams, die so eng wurden, dass man irgendwann nicht nur Pflegekraft war, sondern Teil eines Familienlebens.
Wenn man zwölf Stunden in einer Häuslichkeit ist, bleibt man nicht draußen. Man sieht nicht nur die medizinische Seite. Man sieht Geschwister, Eltern, kleine Rituale, Sorgen am Küchentisch. Man wird ein Stück weit Teil davon, ob man will oder nicht.
Ich konnte das. Auch mit eigenen Kindern. Vielleicht gerade deshalb. Ich konnte mit schwer kranken Kindern arbeiten, ohne sie mit meinen eigenen zu verwechseln, und trotzdem waren sie mir nicht egal. Manche hätte ich am liebsten mitgenommen, weil man in der Pflege manchmal genau an dieser Grenze steht: professionell genug, um zu handeln, und menschlich genug, um berührt zu bleiben.
2016 kam ich zu wilma. Nicht allein, sondern mit einem ganzen Team und einem Klienten. Wir wechselten gemeinsam, weil wir zusammengewachsen waren, weil Pflege auch Vertrauen ist und weil man manchmal spürt, dass ein Weg weitergehen muss.
Ich erinnere mich noch an dieses erste Gespräch. Es war nicht steif, nicht glatt, nicht so, wie man sich ein klassisches Kennenlernen mit zukünftigen Chefs vielleicht vorstellt. Es war irgendwie anders, menschlicher, ein bisschen merkwürdig vielleicht, aber auch ehrlich. Und am Ende war es eine gute Entscheidung.
Später wechselte ich ins Büro, wurde Praxisanleiterin, baute mit an dem, was heute ein großer Teil von wilma ist: Ausbildung. Am Anfang war vieles unübersichtlich. Die generalistische Ausbildung war neu, die Pläne kompliziert, die Strukturen mussten wachsen. Ich hatte Material, Vorgaben, Verantwortung und oft das Gefühl, mir vieles selbst erarbeiten zu müssen.
Heute sind wir als Ausbildungsteam gewachsen. Wir begleiten junge Menschen aus verschiedenen Ländern, mit unterschiedlichen Geschichten, Stärken, Unsicherheiten und Hoffnungen. Ich sehe sie nicht als fertige Pflegekräfte, sondern als Menschen auf einem Weg. Manche brauchen mehr Halt, manche mehr Klarheit, manche einfach jemanden, der ihnen zutraut, dass sie es schaffen können.
Vielleicht ist genau das mein roter Faden: Menschen nicht nur in dem zu sehen, was sie gerade leisten, sondern auch in dem, was sie noch werden können.
In dieser Zeit veränderte sich auch privat vieles. Die Beziehung zum Vater meiner Kinder ging auseinander, und das Leben musste sich neu sortieren. Er gehört zu meiner Geschichte, weil wir gemeinsame Kinder haben und weil es Zeiten gab, in denen Organisation, Verantwortung und Familie neu verteilt werden mussten. Aber meine Geschichte wurde in dieser Phase vor allem von denen getragen, die blieben, die auffingen, die nicht viele Worte brauchten.
Mein Vater war einer dieser Menschen, die nicht einfach waren und trotzdem fehlen, wenn sie nicht mehr da sind. Unser Verhältnis war nicht immer eng. Es gab Reibung, alte Vorstellungen, Ratschläge, mit denen ich wenig anfangen konnte. Er war streng, manchmal stur, gesundheitlich schwer belastet, und doch war er da.
Besonders für meine Kinder.
Als es ihm schlechter ging, war ich gefasster, als ich es vielleicht ohne meine Arbeit in der Pflege gewesen wäre. Ich kannte Krankheit. Ich kannte Verläufe. Ich wusste, was kommen kann. Aber Wissen schützt nicht vor Verlust.
Nach seinem Tod passierte es mir noch öfter, dass ich ihn anrufen wollte, wenn ich unterwegs war. Ein Reflex, ein altes Ritual, das plötzlich ins Leere griff. Und dann merkt man, dass Bindung nicht nur aus perfekten Verhältnissen besteht. Manchmal besteht sie aus Gewohnheiten, aus Spaziergängen, aus Strenge, aus kleinen Wegen, die jemand mit den Enkeln gegangen ist.
Mein großer Sohn trägt heute etwas von ihm weiter. Nicht im Aussehen, aber im Verhalten. Wenn er mit seinen jüngeren Brüdern spazieren geht, wenn er Routen vorgibt, wenn bestimmte Orte wieder und wieder besucht werden, dann erkenne ich meinen Vater darin. Die Hinterste Mühle, der Pausenstein, die Zauberbrücke, kleine Namen für kleine Punkte in einer Kinderwelt, die plötzlich zu Erinnerung werden.
So bleibt ein Mensch manchmal. Nicht als Denkmal. Sondern als Weg, den andere weitergehen.
Und dann kam die Zeit, in der mein jüngster Sohn krank wurde.
Er war kurz vor der Einschulung. Wir freuten uns auf die erste Klasse, auf diesen neuen Abschnitt, auf all das, was mit einem Schulkind beginnt. Doch in den letzten Kindergartenwochen fehlte er immer wieder. Erst waren es einzelne Tage. Er erbrach, hatte starke Kopfschmerzen, dann ging es wieder besser, dann begann es von vorn.
Man denkt nicht sofort an das Schlimmste, wenn ein Kind erbricht. Man denkt an Infekte, an Magen, an Kinderkrankheiten, an alles, was wieder vergeht. Aber es verging nicht. Es kam zurück. Wieder und wieder.
Irgendwann führte der Weg ins Krankenhaus. Untersuchungen, EEG, MRT. Und dann war da dieses Wort, das alles verändert, obwohl man es im ersten Moment kaum greifen kann: Tumor.
Ein Tumor im Kopf meines Kindes.
Ich wusste medizinisch genug, um zu verstehen, dass das ernst war. Aber ich war in diesem Moment nicht Pflegefachkraft. Ich war Mutter. Und gleichzeitig funktionierte ich. Ich dachte an die anderen Kinder, an Wege, an Taschen, an Kleidung, den Weg in die Klinik nach Rostock, an die Frage, wie ich das alles organisieren sollte. Der Kopf klammert sich in solchen Momenten an das Praktische, weil das Eigentliche zu groß ist.
In Rostock waren wir gut aufgehoben. Fachlich, menschlich, medizinisch. Und trotzdem war es ein Schock, dort anzukommen und sofort mit Dingen konfrontiert zu werden, für die ich innerlich noch nicht bereit war. Krebshilfe, Psychologe, Aufklärung, Gespräche. Alles war sinnvoll, alles war wichtig, aber am Anfang war es zu viel. Ich wollte erst einmal nur verstehen, wie wir den nächsten Tag schaffen.
Mein Sohn lag da, durfte sich kaum bewegen, durfte nicht zu hoch und nicht zu tief liegen, durfte sich nicht drehen. Er war ein Kind, das eigentlich nicht still liegen sollte, und plötzlich bestand unser Leben aus Kabeln, Messwerten, Spucken, Schmerzen und der Frage, wie man ein Kind glücklich macht, das nicht aufstehen darf.
Meine Mutter kam jeden Tag mit dem Zug. Jeden Tag. Für ein paar Stunden nur, aber diese Stunden waren wie etwas Festes in einer Welt, die sonst keinen festen Boden mehr hatte. Ich holte sie vom Bahnhof ab, sie kam zu uns, war da, brachte etwas Normales in dieses Unnormale. Ich fühlte mich manchmal schlecht, weil sie diesen Weg immer wieder auf sich nahm. Aber sie brauchte es auch. Denn mein Kind war auch ihr Enkel. Und ich war, bei allem Muttersein, immer noch ihr Kind.
Die erste Operation sollte zehn bis zwölf Stunden dauern. Am Ende wurden es dreizehn, vierzehn. Jede Minute länger legte sich schwerer auf die Brust.
Ich kann mich an diese Angst erinnern. Nicht an eine abstrakte Angst, sondern an eine, die plötzlich einen Körper bekommt. Eine Angst, die im Flur sitzt, auf Türen starrt, jedes Geräusch hört und gleichzeitig nichts mehr richtig wahrnimmt. Zum ersten Mal hatte ich wirklich Angst, mein Kind zu verlieren.
Als er zurückkam, war da Erleichterung, aber keine einfache. Er wachte auf, war orientierungslos, aggressiv, wehrte mich ab. Nach all den Stunden des Wartens tat es weh, nicht einfach die Mutter sein zu dürfen, in deren Arme er fällt. Aber auch das gehört dazu. Kinder müssen nicht trösten, wenn Erwachsene Angst hatten. Sie müssen nur überleben, aufwachen und zurückkommen.
Und er kam zurück.
Doch danach begann ein anderer Schmerz. Zu sehen, dass er sich kaum bewegen konnte. Zu sehen, dass der Körper, der vorher durch die Welt gelaufen war, plötzlich nicht mehr tat, was er sollte. Ich hatte Auszubildenden oft erklärt, wie wichtig Bewegung ist, Lagerung, Mobilisation, kleine Schritte. Nun sah ich am eigenen Kind, was Stillliegen bedeutet. Wie ein Kopf schmerzt, wenn er nach Stunden wieder in die andere Richtung gedreht werden soll. Wie ein Körper sich wehrt, weil alles zu viel ist.
Ich wurde zur Mutter, die tröstet, und zur Fachkraft, die antreibt. Ich nahm ihn auf den Schoß, hielt ihn beim Essen, bestand darauf, dass wir zur Toilette gehen, Schritt für Schritt, weil ich wusste, dass Stillstand gefährlich werden kann. Manchmal verband er mich dadurch mit Schmerz. Das auszuhalten, war schwer.
Dann kam die zweite Operation.
Diesmal wussten wir mehr. Nicht alles, aber genug, um vorbereitet zu sein. Das macht es nicht leichter, aber anders. Auch danach war der Weg mühsam. Wieder nichts können, wieder warten, wieder aufbauen. Aber es blieben keine schweren Folgen zurück. Kleine Spuren, ja. Ein Zittern manchmal, eine Unsicherheit in feinen Bewegungen. Dinge, die man sieht, wenn man weiß, worauf man achten muss.
Und trotzdem: Er war da, er hat überlebt.
In dieser Zeit habe ich verstanden, wer trägt.
Meine Freundinnen waren jeden Tag da, auch aus der Entfernung. Jeden Abend Nachrichten, Nachfragen, kleine Zeichen. Wie war der Tag? Hat er wieder gespuckt? Ging es besser? Sie kannten mein Kind nicht alle gleich nah, und trotzdem waren sie da. Nicht laut, nicht dramatisch, sondern beständig.
Das hat mich gehalten.
Meine Mutter war mein größter Anker. Wir sind beide keine Menschen, die ständig Gefühle ausbreiten. Aber sie kam. Jeden Tag. Manchmal ist Liebe kein großes Gespräch. Manchmal ist Liebe ein Zugticket, ein kurzer Besuch, ein mitgebrachter Moment Normalität, ein stilles Sitzen an einem Krankenhausbett.
Auch mein Team war da. Menschen aus der Arbeit waren längst nicht mehr nur Kolleginnen. Sie wurden Teil eines Netzes, das mich auffing, als ich selbst kaum wusste, wie viel Kraft ich noch hatte.
Es gab auch Enttäuschungen, natürlich. Wenn ein Kind schwer krank ist, verschieben sich Maßstäbe. Man erwartet nicht viel, aber man hofft auf Verlässlichkeit, auf ein Zeichen, auf echtes Interesse. Nicht für sich selbst, sondern für das Kind. Aber diese Enttäuschung soll nicht im Mittelpunkt stehen. Sie gehört dazu, weil sie mich geprägt hat. Aber sie ist nicht das, was geblieben ist.
Geblieben sind vor allem die Menschen, die da waren.
Nach Rostock kam die Reha. Dann der Alltag, der nicht einfach wieder der alte wurde.
Es gibt Nachuntersuchungen, Therapien, Termine, Einschränkungen, Momente, in denen mein Sohn früher abgeholt werden muss, weil er Dinge nicht mehr so kompensieren kann wie vorher. Es gibt Tage, an denen alles gut ist, und andere, an denen man merkt, dass etwas bleibt.
Meine Mutter fängt bis heute viel auf. Ohne sie wäre vieles nicht machbar. Sie fährt zu Therapien, übernimmt Wege, hält den Familienalltag mit zusammen. Ich arbeite Vollzeit, habe zusätzlich einen Nebenjob in der Pflege, drei Kinder, Termine, Verantwortung. Von außen sieht man vielleicht Organisation. Von innen ist es oft ein sehr fein gesponnenes Netz, bei dem jeder Faden wichtig ist.
Mein Verhältnis zu meinem jüngsten Sohn hat sich verändert. Wir waren uns schon vorher nah, aber nach dieser Zeit war da eine Bindung, die fast zu eng wurde. Er konnte mich schwer loslassen, und ich verstand es. Gleichzeitig wollte ich, dass er zurück ins Leben findet, dass er selbstständig wird, dass er nicht nur das Kind bleibt, das krank war.
Ich bin keine Mutter, die alles festhält. Ich möchte, dass meine Kinder laufen, fahren, ausprobieren, eigene Wege finden. Mein Sohn fährt inzwischen wieder mit dem Bus zur Schule. Für manche mag das früh wirken. Für mich ist es ein Stück Freiheit, das ich ihm zurückgeben möchte.
Vielleicht ist das Muttersein für mich genau dieser Widerspruch: halten und loslassen. Schützen und zutrauen. Angst haben und trotzdem nicht zulassen, dass Angst das ganze Leben regiert.
Ich bin ein Planmensch geblieben. Ich plane immer noch Urlaube, Termine, nächste Jahre. Ich bin nicht plötzlich jemand geworden, der alles stehen und liegen lässt, weil das Leben kurz ist. So bin ich nicht. Ich verdränge vieles eher, schiebe es weg, lese manchmal alte Tagebucheinträge und merke dann, dass noch etwas in mir arbeitet.
Der Tumor ist nicht ganz verschwunden. Ein kleiner Rest ist noch da. Rein theoretisch könnte er wieder wachsen. Ich weiß das. Aber ich kann nicht jeden Tag in dieser Möglichkeit leben. Meinem Sohn geht es jetzt gut. Also halte ich mich daran fest.
Vielleicht ist das nicht die große, filmreife Erkenntnis. Vielleicht ist es eher eine leise. Dass man nicht alles verarbeiten muss, bevor man weiterlebt. Dass Weiterleben manchmal bedeutet, morgens aufzustehen, Brotdosen zu packen, zur Arbeit zu fahren, Auszubildende zu begleiten, Therapiezeiten zu koordinieren und abends trotzdem noch zu lachen.
Ich habe gelernt, dass Menschen nicht allein stark sind. Ich glaube nicht daran, dass jeder alles aus sich selbst heraus schaffen muss. Wir sind unterschiedlich, wir haben Stärken und Schwächen, und manchmal trägt der eine genau dort, wo der andere gerade nicht mehr kann.
Das sehe ich in meinem Team. Das sehe ich in meiner Familie. Das sehe ich in meinen Freundschaften. Und vielleicht ist das auch das, was mich in der Pflege hält: die Gewissheit, dass niemand nur für sich allein existiert.
Wenn Dagmar heute in ihrem Wohnzimmer sitzt, dann sitzt dort keine Frau, die alles überstanden hat, als wäre nichts gewesen. Dort sitzt eine Frau, die gelernt hat, mit Brüchen zu leben, ohne sich von ihnen erklären zu lassen.
Sie ist Mutter von drei Söhnen, Pflegefachkraft, Praxisanleiterin, Tochter, Freundin, Kollegin. Sie ist planvoll und verletzlich, stark und erschöpft, klar und manchmal voller unausgesprochener Angst. Sie kann funktionieren, wenn es sein muss, und trotzdem berührt bleiben. Sie kann loslassen, obwohl sie weiß, wie schnell ein Leben kippen kann.
Vielleicht liegt genau darin ihre Antwort.
Nicht in einem perfekten Satz. Nicht in einer Definition. Sondern in einer Mutter, die ihr Kind nach einer Operation wieder ins Leben begleitet. In einer Tochter, die ihren Vater in den Wegen ihres Sohnes wiedererkennt. In einer Frau, die sich von anderen halten lässt, auch wenn ihr das nicht leichtfällt. In einer Kollegin, die jungen Menschen zeigt, dass sie wachsen dürfen. In einem Zuhause, in dem die Kinder die Schlafzimmer haben und die Liebe trotzdem überall wohnt.
Und wenn man ihr am Ende gegenübersitzt, dieser Frau mit der nachdenklichen Ruhe und trotzdem voller Lebensfreude, dann versteht man, dass Menschsein nicht dort beginnt, wo alles glatt läuft, sondern dort, wo jemand trotz allem weich bleibt.