Ein Morgen ohne Beine

Es gibt Menschen, deren Leben nicht langsam aus den Fugen gerät. Es reißt.

Nicht mit Ankündigung, nicht mit einem großen dramatischen Moment, auf den man sich innerlich vorbereiten könnte, sondern an einem ganz gewöhnlichen Morgen, an dem die Welt draußen weiterläuft, als sei nichts geschehen, während im eigenen Körper plötzlich etwas für immer verstummt.

Wenn Thomas heute in seinem Rollstuhl in seinem Zimmer im Hauerweg sitzt, wirkt er auf den ersten Blick ruhig, fast nüchtern in der Art, wie er erzählt, als hätte er gelernt, das Unfassbare in Sätze zu legen, damit es überhaupt irgendwohin kann. Man sieht ihm an, dass sein Leben nicht leicht war. Aber man sieht nicht sofort den Jungen, der seine Mutter viel zu früh verlor. Nicht den Mann, der gearbeitet, gelernt, neu angefangen, seinen Vater unterstützt und irgendwann begonnen hat, Dinge wegzutrinken, die sich nicht wegtrinken ließen. Man sieht nicht den Morgen, an dem er aufstehen wollte und seine Beine nicht mehr funktionierten.

Man sieht einen Mann im Rollstuhl.

Und genau das ist der Irrtum.

Denn Thomas ist nicht der Rollstuhl. Thomas ist die Geschichte davor. Und die danach.

Steckbrief

Name: Thomas Fikl

Familienstand: Ledig

Mein altes Leben

Ich habe früher ein ziemlich normales Leben geführt. Jedenfalls würde ich es heute so nennen, vielleicht gerade deshalb, weil ich inzwischen weiß, dass normal nichts ist, worauf man ein Recht hat, sondern etwas, das man oft erst erkennt, wenn es vorbei ist.

Ich bin in Neustrelitz geboren, habe Elektromonteur gelernt, später als Elektroinstallateur gearbeitet und mich lange in diesem Leben bewegt, ohne groß darüber nachzudenken, dass Bewegung einmal etwas sein könnte, das man vermisst wie einen Menschen. Arbeiten, arbeitslos sein, wieder etwas versuchen, umschulen, noch einmal Immobilienkaufmann werden, ein paar neue Wege gehen, ein paar wieder verlieren. So war das Leben. Nicht immer gerade, nicht immer erfolgreich, aber meines.

In den letzten Jahren vor allem habe ich mich viel um meinen Vater gekümmert. Nicht in dem Sinne, dass ich ihn gepflegt hätte wie ein Pfleger, eher so, wie man eben da ist, wenn jemand einen braucht. Einkaufen, Behördengänge, Dinge regeln, die im Alltag klein aussehen und irgendwann doch das ganze Leben zusammenhalten.

Vielleicht war das auch meine Art, Familie festzuhalten.

Meine Mutter habe ich verloren, als ich zehn war. Krebs. Man sagt solche Sätze manchmal erstaunlich knapp, weil alles, was dahinterliegt, ohnehin zu groß ist für eine Erklärung. Als Kind versteht man Tod anders. Da ist plötzlich jemand nicht mehr da, aber die Welt macht weiter, die Familie ist da, die Oma, die Verwandten, Menschen, die sich kümmern, und man selbst läuft irgendwie mit. Vielleicht spürt man den Verlust nicht sofort in seiner ganzen Größe, vielleicht kommt er später in anderen Formen zurück, in Freiheiten, in Lücken, in der Art, wie man lernt, allein klarzukommen, bevor man überhaupt weiß, was Alleinsein bedeutet.

Meine Schwester habe ich später auch verloren. Ebenfalls durch Krankheit. Mein Vater war irgendwann der Mensch, der noch blieb, und vielleicht wird eine Verbindung dadurch nicht automatisch einfacher, aber sie wird tiefer, weil sie weniger selbstverständlich ist.

Ich hatte viele Freiheiten als Kind. Mehr als Kinder heute vielleicht haben. Ich habe gemacht, bin draußen gewesen, habe gelebt. Man kann diese Zeit nicht mit heute vergleichen. Es war eine andere Welt, eine andere Art von Familie, eine andere Art von Aufwachsen. Nicht besser in allem, nicht schlechter in allem. Nur anders.

Und ich war auch anders.

Nicht immer ruhig. Nicht immer still. Nicht immer der Mensch, den manche heute in mir sehen.

Was man wegtrinkt

Der Alkohol kam nicht wie ein Blitz. Er kam eher wie eine Gewohnheit, die sich an den Rand des Lebens setzt und irgendwann mittendrin steht.

Ich kann heute nicht sagen, dass es den einen Auslöser gab. Vielleicht wäre das bequemer, weil Menschen gern Gründe hören. Einen Verlust. Eine Krankheit. Einen Bruch. Etwas, das erklärt, warum jemand zur Flasche greift. Aber bei mir war es nicht so einfach. Es war Zeit. Leere. Gewohnheit. Zu wenig, das mich hielt. Zu viel Raum, um Unsinn zu machen.

Und dann trinkt man.

Erst vielleicht, weil es dazugehört. Dann, weil man es kennt. Dann, weil man glaubt, damit etwas erträglicher zu machen. Und irgendwann trinkt man nicht mehr wegen der Probleme, sondern die Probleme entstehen mit dem Trinken, und trotzdem redet man sich ein, morgen sei Schluss.

Morgen.

Dieses Wort ist gefährlich, wenn man abhängig ist. Morgen trinke ich nicht. Morgen höre ich auf. Morgen wird alles anders. Und heute noch einmal. Nur heute noch.

Ich habe viel getrunken. Sehr viel. Manchmal in Mengen, bei denen ich heute selbst weiß, dass es nicht mehr um Genuss ging, nicht um einen schlechten Tag, nicht um ein Glas zu viel. Es ging darum, etwas in mir leiser zu machen. Vielleicht auch darum, mich selbst nicht so klar zu spüren.

Aber das Gemeine daran ist: Man trinkt die Dinge nicht weg. Man verschiebt sie nur. Und während man sie verschiebt, werden sie größer.

Ich habe Menschen enttäuscht. Mich selbst auch. Vielleicht am meisten mich selbst. Und diese Enttäuschung ist dann wieder ein Grund, weiterzumachen, wenn man nicht aufpasst. Man steht vor sich, erkennt sich nicht ganz wieder und versucht, dieses Bild noch einmal zu verwischen.

Heute kann ich darüber sprechen. Nicht, weil es leicht ist, sondern weil es vorbei ist. Seit vielen Monaten greife ich nicht mehr regelmäßig zur Flasche. Ich habe kein Bedürfnis danach. Und das ist etwas, worauf ich stolz bin, auch wenn Stolz in meinem Leben nicht immer ein lautes Gefühl ist. Manchmal ist Stolz einfach nur der Moment, in dem man abends weiß: Heute nicht.

Am Anfang hier im Hauerweg war das noch anders. Die ersten Monate habe ich auch hier getrunken. Die Pflegekräfte waren nachsichtig mit mir, vielleicht auch strenger, als ich es damals mitbekommen habe. Wahrscheinlich haben sie mir auf ihre Art den Spiegel hingehalten. Richtig kennengelernt habe ich manche von ihnen erst, als ich aufgehört hatte zu trinken.

Da war plötzlich ein anderer Blick möglich.

Auf sie. Auf mich. Auf das, was noch geht.

Ich glaube heute: Wenn man wirklich nicht mehr trinken will, wenn es nicht nur ein Satz ist, nicht nur ein guter Vorsatz für morgen, sondern eine Entscheidung in einem selbst, dann kann man es schaffen. Nicht allein aus Trotz. Nicht aus Scham. Sondern weil man irgendwann begreift, dass man nicht jedes Problem betäuben muss, um es zu überleben.

Der Körper schweigt

Dann kam dieser Morgen.

November 2023.

Ich wollte aufstehen und ins Bad gehen. Etwas ganz Alltägliches. Etwas, über das kein Mensch nachdenkt, solange es funktioniert. Die Beine aus dem Bett, aufstehen, losgehen. Ein Ablauf, tausendfach gemacht, nie gewürdigt.

Aber meine Beine waren weg.

Nicht weg im sichtbaren Sinn. Sie lagen da. Sie gehörten zu mir. Und doch waren sie plötzlich wie zwei fremde Dinge, die keinen Befehl mehr annahmen. Ich konnte sie nicht mehr benutzen. Mein Körper hatte an einer Stelle aufgehört, mit mir zu sprechen.

Vorher hatte ich manchmal Rückenschmerzen gehabt, ab und zu ein komisches Gefühl in den Beinen, vielleicht Zeichen, vielleicht Warnungen, die man erst im Nachhinein erkennt, wenn man nach Gründen sucht. Aber wer denkt schon bei Rückenschmerzen daran, dass ein Leben kippen könnte?

Im Krankenhaus habe ich nicht mehr viel mitbekommen. Untersuchungen, Röhre, Verlegung nach Neubrandenburg, Ärzte, Worte, die man hört und doch nicht richtig festhalten kann. Eine Operation, die nicht sofort möglich war, weil auch noch eine Lungenembolie dazukam. Wenn schon, dann richtig, so könnte man es fast bitter sagen. Keine halben Sachen.

Die Ärzte sagten mir, wie ernst es war. Dass Überleben nicht selbstverständlich gewesen sei. Dass mit den Beinen nichts mehr anzufangen sein könnte. Dass ein Wirbel höher vielleicht auch die Arme betroffen gewesen wären.

Manchmal hängt ein ganzes Leben an wenigen Zentimetern.

Es gibt verschiedene Erklärungen dafür, was passiert ist. Vielleicht war es der lange Alkoholkonsum, auf den mein Körper irgendwann toxisch reagiert hat. Vielleicht war es eine Entzündung im Kiefer, Zahnwurzeln, Bakterien, die ihren Weg dorthin fanden, wo sie nie hätten ankommen dürfen, bis ins Rückenmark, wo sich alles entzündete, ausdehnte, den Spinalkanal bedrängte. Vielleicht war es beides. Vielleicht wird niemand es je ganz sicher sagen können.

Am Ende bleibt die Tatsache.

Ich wachte auf und konnte nicht mehr laufen.

Zwischen Klinik und Verlust

Nach der Operation kam die Reha. Vier Monate in der Klinik. Und während ich dort lag, in meinem Körper gefangen, ist mein Vater gestorben.

Es gibt Verluste, die treffen einen nicht nur ins Herz, sondern in die Ordnung der Welt. Mein Vater war krank geworden, während ich selbst nicht einmal richtig Herr meiner Lage war. Ich konnte nicht einfach hin. Nicht funktionieren. Nicht regeln. Nicht da sein, wie ich früher da gewesen wäre.

Ich hatte genug mit mir selbst zu tun, mit Schmerzen, mit Medikamenten, mit diesem neuen Körper, der nicht mehr auf die alte Weise meiner war. Und gleichzeitig brach draußen mein altes Leben auseinander.

In meine Wohnung konnte ich nicht zurück. Sie war nicht rollstuhlgerecht. Es gab keine passende Unterkunft, keinen Ort, der einfach bereitstand und sagte: Komm, hier kannst du weiterleben. Der Hauerweg war zuerst nur als Zwischenlösung gedacht.

Ich kam aus der Reha hierher mit einer Reisetasche.

Darin waren ein paar T-Shirts. Ein paar Sachen. Fast nichts von dem, was ein Leben ausmacht.

Meine Wohnung wurde aufgelöst, vieles verschwand, manches wurde vielleicht eingelagert, manches ist bis heute nicht wirklich greifbar. Papiere, Familienunterlagen, Geburtsurkunden, Sterbeurkunden meiner Mutter und meiner Schwester, Fotos vielleicht, Dinge, die für andere nur Papier sind und für mich die dünnen Fäden zu den Menschen, die nicht mehr da sind.

Man glaubt, Besitz sei nicht wichtig, bis man fast nichts mehr von dem hat, was einmal Zuhause bedeutete.

Und dann sitzt man in einem Zimmer, in einem Rollstuhl, an einem Ort, der nicht geplant war, und versucht zu verstehen, dass das eigene Leben nicht nur eine Pause gemacht hat, sondern eine neue Form bekommen hat.

Der Hauerweg

Ich bin seit April 2024 hier im Hauerweg.

Eine Wohngemeinschaft, in der viele Menschen älter sind als ich. Ich bin kein Senior. Eigentlich bin ich in einem Alter, in dem man noch Pläne haben könnte, Wege, vielleicht Arbeit, vielleicht Alltag, vielleicht Dinge, über die man sich beschwert, ohne zu ahnen, dass sie Luxus sind.

Hier habe ich vieles gesehen, worüber man vorher nicht nachdenkt. Viele Menschen sind gegangen. Über zwanzig Todesfälle habe ich miterlebt, direkt oder im Umfeld. Manchmal kommt man morgens zum Frühstück und muss erst einmal begreifen, wer nicht mehr da ist.

Bei manchen wusste man, dass es passieren könnte. Bei anderen traf es einen plötzlich. Und selbst wenn man es irgendwie wusste, ist es etwas anderes, wenn der Platz leer bleibt. Wenn man gestern noch gesprochen hat und heute ist da nur Stille.

Vielleicht macht einen so ein Ort härter. Vielleicht weicher. Vielleicht beides.

Ich habe hier Pflegekräfte erlebt, die mich in Phasen gesehen haben, in denen ich mich selbst kaum sehen wollte. Menschen, die mir geholfen haben, obwohl ich Hilfe lange nur schwer annehmen konnte. Das ist bis heute eines der Dinge, die mir am meisten gegen den Strich gehen: fragen müssen. Warten müssen. Darauf angewiesen sein, dass jemand kommt. Selbst bei kleinen Dingen.

Ich war jemand, der Dinge selbst gemacht hat. Der sich bewegt hat. Der Fahrrad gefahren ist, Badminton gespielt hat, schwimmen gegangen ist. Mein Körper war nicht perfekt, mein Leben auch nicht, aber ich konnte los. Und plötzlich wird jeder Weg zur Rechnung. Jede Strecke zur Planung. Jeder Bordstein zur Grenze.

Der Elektrorollstuhl gibt mir Freiheit, ja. Aber es ist eine Freiheit mit Bedingungen.

Er fährt Schrittgeschwindigkeit. Er braucht flache Wege. Kopfsteinpflaster, Bordsteine, schlechte Übergänge, abgelegene Straßen, Busverbindungen am Wochenende, Arztpraxen ohne Fahrstuhl – all das wird plötzlich Teil des eigenen Lebens. Dinge, an denen andere vorbeigehen, ohne sie überhaupt zu bemerken.

Früher war Entfernung einfach Entfernung. Heute ist sie eine Frage von Akkustand, Bodenbelag, Buslinie und Zeit.

Und trotzdem bewege ich mich.

Ich fahre in die Stadt. Zum Aldi. Mit dem Bus. Ich besuche Gräber, bringe Blumen, halte Kontakt, so gut es geht. Einige Menschen aus meinem alten Leben sehen mich nicht im Rollstuhl. Nicht, weil ich mich schäme, jedenfalls nicht nur. Sondern weil ich nicht möchte, dass alle dieses Bild von mir haben. Hilflos. Sitzend. Anders.

Ich war nicht immer der ruhige Thomas, der heute hier sitzt.

Und manchmal möchte man wenigstens in der Erinnerung anderer noch der Mensch bleiben, der man einmal war.

Kleine Siege

Am Anfang konnte ich nicht einmal sitzen.

Wenn ich an der Bettkante saß, fiel ich in alle Richtungen. Mein Gleichgewicht war weg. Ich musste lernen, meinen Körper neu zu halten, obwohl er mir nicht mehr dieselben Antworten gab. Ich spürte keine Wärme, keine Kälte, kein Wasser, keine Berührung. Unterhalb der Verletzung war vieles taub, fremd, still.

Und dann, irgendwann, lag ich bei der Physiotherapie auf einer Matte und bewegte plötzlich einen großen Zeh.

Ein winziger Moment.

Von außen vielleicht lächerlich klein.

Für mich war es ein Riss im Dunkel.

Danach kamen Therapien, für die ich vorher gar nicht vorgesehen war. Stromtherapie. Rollstuhlsport. Übungen. Neue Versuche. Kleine Bewegungen. Kleine Rückkehr. Nicht so, wie man es sich erträumt. Nicht als Wunder. Nicht als Geschichte, in der am Ende alle aufstehen und klatschen.

Aber als etwas.

Heute kann ich mit den Beinen wieder ein bisschen arbeiten. Ich kann beim Umsetzen mehr mithelfen. Manchmal auf Hilfsmittel verzichten, auf die ich vorher angewiesen war. Die Beine sind noch taub, sie summen, brummen, fühlen sich an wie etwas, das gleichzeitig da und fern ist. Die Spastiken kommen, die Kontrolle fehlt, die Sturzgefahr bleibt.

Selbstständiges Laufen ist keine realistische Hoffnung.

Das weiß ich.

Aber nicht jede Hoffnung muss bedeuten, dass alles wieder wird wie früher. Manchmal reicht es, wenn etwas ein kleines bisschen mehr möglich wird als gestern.

Und vielleicht ist das einer der härtesten Lernprozesse: nicht das große Wunder zu erwarten, sondern den kleinen Fortschritt ernst zu nehmen.

Arm sein im Rollstuhl

Es gibt Dinge, über die man ungern spricht, weil sie unangenehm sind. Geld gehört dazu. Armut auch. Aber wenn man krank ist, behindert, auf Hilfe angewiesen, dann wird Geld nicht abstrakt. Es wird konkret. Es wird Frühstück. Medikamente. Hygieneartikel. Fahrten. Kleidung. Ein kaputter Fernseher. Ein Wunsch, der nicht erfüllt werden kann.

Ich bekomme Erwerbsunfähigkeitsrente, ergänzende Leistungen, am Ende ungefähr das, was Bürgergeld entspricht. Aber ich habe durch meine Behinderung höhere Ausgaben als jemand, der nicht in dieser Situation ist. Medikamente, Apothekenrechnungen, Produkte, die nicht vollständig übernommen werden, Dinge, die notwendig sind und trotzdem bezahlt werden müssen.

Manchmal bleiben am Monatsende keine Reserven. Manchmal ist da einfach null.

Nicht wenig.

Null.

Wenn man nie viel Geld hatte, aber immer irgendwie klarkam, ist das noch einmal etwas anderes. Früher konnte ich, wenn ich einen Fernseher brauchte, irgendwann einen kaufen. Vielleicht mit engem Gürtel, aber es ging. Heute muss ich bei Kleidung für fünfzig Euro überlegen, ob es wirklich sein muss.

Viele glauben, wer krank ist, sei abgesichert. Wer pflegebedürftig ist, sei versorgt. Als würde ein System automatisch auffangen, was ein Leben verliert.

Aber versorgt heißt nicht frei.

Und abgesichert heißt nicht, dass man sich etwas wünschen darf.

Der Traum vom Handbike

Wenn ich mir etwas wünschen dürfte, nicht träumen, sondern wirklich wünschen, dann wäre es ein Handbike.

Kein Luxus, auch wenn es für mich finanziell unerreichbar ist. Für mich wäre es Mobilität. Körperliches Wohlbefinden. Selbstwert. Seelisches Gleichgewicht. Ein Stück von dem Gefühl, wieder unterwegs zu sein, nicht nur befördert zu werden.

Ein Handbike wird an den Rollstuhl gekoppelt. Man fährt mit den Händen, wie Fahrradfahren, nur anders. Es gibt Varianten mit Unterstützung, mit Akku, und plötzlich wären Wege möglich, die heute groß sind. Rausfahren. Strecken schaffen. Vielleicht an einer Radtour teilnehmen. Nicht immer nur schauen, wie andere losfahren.

Mein Freund ärgert mich manchmal liebevoll damit, wenn er mit dem Motorrad kommt. Und ich lache darüber. Humor ist vielleicht auch eine Art, nicht bitter zu werden.

Natürlich wäre ein eigenes umgebautes Auto noch größer. Noch freier. Aber das ist weit weg. Sehr weit. Ein Handbike wäre schon viel.

Vielleicht klingt das für jemanden, der jeden Tag aufsteht, Schuhe anzieht und einfach losgeht, klein.

Für mich wäre es ein Stück Welt.

Was bleibt

Ich bereue mein Leben nicht auf die Weise, wie manche es vielleicht erwarten würden.

Natürlich weiß ich, dass ich Fehler gemacht habe. Natürlich sehe ich Dinge, die anders hätten laufen können. Aber dieses Was-wäre-wenn ist ein gefährlicher Ort. Man kann sich darin verlieren, ohne je eine Antwort zu finden. Was wäre gewesen, wenn ich weniger getrunken hätte? Wenn ich früher Hilfe angenommen hätte? Wenn ich anders entschieden hätte? Wenn mein Körper nicht an diesem Morgen versagt hätte?

Niemand weiß es.

Und was bringt es, sich daran kaputtzumachen?

Ich habe viele Träume gehabt, die ich nicht verwirklicht habe. Ich habe Schwächen, Fehler, Dinge, die ich lernen musste. Ich bin nicht immer gut mit mir oder dem Leben umgegangen. Aber ich bin immer irgendwie durchgekommen.

Vielleicht ist das kein schöner Satz.

Aber ein wahrer.

Ich habe gelernt, dass man sich Fehler eingestehen kann, ohne sich für immer an sie zu ketten. Dass man sich ändern kann, auch spät. Dass man Hilfe annehmen muss, selbst wenn es weh tut. Dass man manchmal genug sagen darf. Nicht als Kapitulation, sondern als Anfang.

Ich muss nicht alles. Das ist ein Gedanke, der vielleicht simpel klingt, aber für mich wichtig geworden ist. Ich muss nicht jedem Bild entsprechen. Nicht jedem Anspruch. Nicht jedem alten Thomas. Ich muss nicht am gesellschaftlichen Leben teilnehmen, wenn ich nicht will. Ich darf mich zurückziehen. Ich darf rausfahren. Ich darf neu entscheiden.

Und ich darf trotzdem wünschen.

Nicht gehen zu können heißt nicht, dass nichts mehr in Bewegung ist.

Die Antwort dazwischen

Wenn Thomas heute in seinem Zimmer sitzt, ist da kein Mann, der seine Geschichte glattgebügelt hat, damit sie leichter klingt. Er macht sich nicht kleiner, als er ist. Aber auch nicht größer. Er spricht von Schuld, ohne sich darin zu verlieren. Von Verlust, ohne ihn auszustellen. Von Armut, ohne Mitleid einzufordern. Von Hilfe, obwohl sie ihm schwerfällt. Von Fortschritten, die so klein wirken können und doch ganze Welten verschieben.

Vielleicht ist genau darin seine Kraft.

Nicht in einem makellosen Neubeginn. Nicht in einer Heldengeschichte. Nicht in dem Versprechen, dass irgendwann alles wieder gut wird.

Sondern in diesem Dazwischen.

Zwischen Stolz und Scham. Zwischen Abhängigkeit und Eigenwillen. Zwischen Vergangenheit und dem Wunsch, sich von ihr nicht vollständig bestimmen zu lassen. Zwischen einem Körper, der Grenzen setzt, und einem Menschen, der trotzdem weiter nach Wegen sucht.

Thomas ist kein Mensch, den man auf den ersten Blick versteht.

Niemand ist das.

Man sieht den Rollstuhl. Vielleicht die Ente auf dem Joystick. Vielleicht den Mann, der langsam durch die Stadt fährt, mit mehr Planung, mehr Hindernissen, mehr Geduld, als andere je bemerken werden. Aber man sieht nicht den Jungen ohne Mutter. Nicht den Bruder, der seine Schwester verlor. Nicht den Sohn, der seinen Vater während der eigenen Reha gehen lassen musste. Nicht den Mann, der mit einer Reisetasche in ein neues Leben kam. Nicht den, der aufgehört hat zu trinken. Nicht den, der sich nach Freiheit sehnt und dabei längst etwas geschafft hat, das viele unterschätzen: sich selbst nicht aufzugeben.

Und vielleicht liegt die Antwort genau dort, lange bevor die Frage ausgesprochen wird.

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Bin ich weniger Mensch weil ich müde bin vom Starksein?
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Bin ich weniger Mensch, weil ich nur noch ein Bein habe?
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