Steckbrief
Name: Marita Hartmann
Alter: 0
Familienstand: Verheiratet
Lieblingstier(e):
Hobbys:
Sie sitzt auf ihrem Sofa, die Hände ineinandergelegt, als müsste sie etwas festhalten, das ihr sonst entgleiten könnte. Neben ihr liegt ein Leben, das man ihr auf den ersten Blick nicht ansieht. Eine Dreiraumwohnung im sechsten Stock. Ein Mann, der seit Jahrzehnten an ihrer Seite ist. Eine Tochter, die anders spricht als andere Menschen und doch so viel sagt. Eine zweite Tochter, deren Platz heute leer bleibt und trotzdem überall spürbar ist.
Marita Hartmann erzählt ruhig. Und dann wieder nicht. Manchmal steigt ihr das Wasser in die Augen, als käme die Vergangenheit ohne Ankündigung durch die Tür.
Name: Marita Hartmann
Alter: 0
Familienstand: Verheiratet
Lieblingstier(e):
Hobbys:
Ich bin auf einem Dorf groß geworden, nicht weit von hier. Damals war im Leben oft nicht die Frage danach, was man sich wünscht, sondern was eben vorgesehen war. Ich lernte Kellnerin, obwohl mein Herz woanders hinwollte. Später konnte ich als Dekorateurin arbeiten, und das kam dem näher, was ich eigentlich immer mochte: Dinge schön machen, Räume gestalten, etwas mit den Händen schaffen.
Meinen Mann lernte ich früh kennen. Wir wollten unser Leben aufbauen, wie andere junge Paare auch. Eine Wohnung, Kinder, Arbeit, Familie. Nichts Großes vielleicht, aber etwas Eigenes. Etwas, das trägt.
Bevor Daniela geboren wurde, hatten wir bereits Verlust erlebt. Danach war jede Hoffnung vorsichtig. Meine Schwangerschaft war schwer, von Angst begleitet, von dem Gefühl, dass nichts selbstverständlich ist. Als es dann losging, dachte ich: Jetzt beginnt unser Leben als Familie.
Aber manchmal beginnt ein Leben nicht mit Jubel, sondern mit einem Satz, der alles zerschneidet.
Nach der Geburt sah ich meine Tochter erst Tage später. Ich wurde zu ihr gebracht, noch schwach, noch wund, noch voller Erwartung. Vor der Tür sagte mir eine Ärztin, dass mein Kind körperlich und geistig schwer behindert sei. Dann ging sie weiter.
Da stand ich. Oder besser: Da fiel ich in mich zusammen.
Für meinen Mann und mich war es trotzdem nie eine Frage, ob Daniela zu uns gehört. Natürlich gehört sie zu uns. Egal, was sie hat. Egal, was andere denken. Dieses Kind war unser Kind.
Zuhause wusste ich anfangs gar nicht, was anders war. Ich hatte ja kein anderes Kind gehabt. Ich kannte keine Vergleiche. Ich sah meine Tochter an und sah zuerst nicht Behinderung, sondern mein Baby.
Erst nach und nach merkte ich, wie viel nicht kam. Kein Krabbeln. Kein Laufen. Keine Worte, wie andere Kinder sie fanden. Füttern, Heben, Tragen, Halten. Immer wieder Ärzte, Fragen, Unsicherheit. Dieses ständige Gefühl: Mache ich genug? Übersehe ich etwas? Bin ich schuld, wenn etwas nicht besser wird?
Eine Physiotherapeutin sagte irgendwann zu mir, dass sich Danielas Kopf weiterentwickelt, nur ihr Körper nicht mitkommt. Und dass ich genug mache. Manchmal braucht man nur einen Menschen, der einen Satz sagt, der einen für einen Moment wieder atmen lässt.
Ich habe viel getragen. Im wahrsten Sinne. Daniela saß lange auf meinem Arm, vor allem links, und mein Körper hat sich das gemerkt. Irgendwann trägt man nicht nur ein Kind. Man trägt Anträge, Hilfsmittel, Blicke, Kommentare, Nächte ohne Ruhe, Entscheidungen, Kämpfe mit Kassen, Gespräche mit Menschen, die nur Akten sehen und nicht den Alltag dahinter.
Freunde gingen verloren. Manche wussten nicht, wie sie mit uns umgehen sollten. Andere sagten Sätze, die bis heute nachhallen. Dass sie so ein Kind nicht behalten hätten. Dass sie das nicht könnten.
Aber niemand weiß vorher, was er kann. Man steht nicht morgens auf und entscheidet sich für Stärke. Man steht einfach auf, weil da ein Kind ist, das Hunger hat. Ein Kind, das gewaschen werden muss. Ein Kind, das lacht. Ein Kind, das einen braucht. Und irgendwann nennt die Welt das stark, obwohl es für einen selbst einfach Liebe ist.
Daniela spricht nicht wie andere. Aber sie sagt viel. Mit Blicken. Mit Lauten. Mit Bewegungen. Mit ihrer Art, auf Menschen zu reagieren. Sie weiß, was sie will. Sie entscheidet, was sie anzieht, ob sie duschen oder baden möchte, wohin sie gehen will, welchen Weg sie nimmt.
Jeden Abend wartet sie auf meinen Anruf. Sie kennt die Uhrzeit. Wenn ich nicht gleich verstehe, was sie mir sagen will, wird sie ungeduldig. Dann lege ich manchmal kurz auf, denke nach, rufe wieder an. Und wenn ich es herausfinde, freut sie sich so sehr, dass man merkt: Verstanden werden ist vielleicht eines der größten Geschenke überhaupt.
Für mich ist Daniela nicht einfach eine Diagnose. Sie ist meine Tochter. Ein Mensch mit Willen, Humor, Trotz, Eifersucht, Liebe, Trauer. Wie jeder andere auch. Nur mit einer anderen Tür zur Welt.
Unsere zweite Tochter brachte noch einmal eine andere Wärme in unser Leben. Zwischen den beiden entstand etwas Eigenes. Nichts Erzwungenes. Kein „Du musst dich kümmern“. Es war einfach da.
Sie nahm Daniela mit, erklärte anderen Kindern, wer ihre Schwester ist, stellte sich vor sie, wenn Menschen starrten oder verletzend wurden. Sie hatte ihr eigenes Leben und war doch auf eine besondere Weise verbunden mit ihr.
Als sie starb, war das ein Bruch, für den es keine Sprache gibt. Sie war erst 33. Gesund. Mitten im Leben.
Und plötzlich war sie nicht mehr da.
Ich möchte diesen Verlust nicht zum einzigen Mittelpunkt machen, weil unser Leben mehr ist als Trauer. Aber er ist da. Wie ein leiser Riss durch alles. Daniela trauert auf ihre Weise. Sie möchte nicht immer mit uns zum Friedhof. Wenn sie dort ist, erzählt sie ihrer Schwester etwas in ihrer Sprache. Sie steht vor dem Grab und spricht, als gäbe es Dinge, die nur Schwestern einander sagen können.
Und vielleicht ist genau das so.
Mein Mann und ich sind seit all dem zusammengeblieben. Nicht, weil immer alles leicht war. Das war es nicht. Wir haben unterschiedlich getrauert, unterschiedlich geschwiegen, unterschiedlich getragen. Ich habe viel geredet, er oft weniger. Manchmal war ich ganz bei den Kindern, vielleicht zu sehr. Manchmal blieb für uns als Paar wenig Platz.
Aber er war da. Für beide Töchter. Für mich. Auf seine Weise.
Heute haben wir wieder mehr Zeit zu zweit. Wir gehen ein Eis essen, fahren irgendwohin, besuchen Veranstaltungen, machen kleine Dinge, die früher oft nicht möglich waren. Manchmal sitzen wir nebeneinander und haben uns nicht viel zu sagen. Nach so vielen Jahren ist auch das ein Teil von Liebe: nicht immer reden müssen und trotzdem bleiben.
Daniela lebt inzwischen in ihrer eigenen Wohnung und wird betreut. Der Schritt war schwer. Für sie. Für mich. Für uns. Ich musste lernen nicht alles zu kontrollieren, loszulassen, ohne wirklich loszulassen.
Denn Mutter bleibt man. Auch, wenn das Kind erwachsen ist. Auch, wenn andere helfen. Auch, wenn man weiß, dass die eigenen Kräfte weniger werden.
Wir sind mit unseren Kindern in den Urlaub gefahren. Ostsee, Schwarzwald, Mallorca. Immer mit Aufwand. Immer mit Planung. Immer mit Dingen, die andere Familien nicht mitdenken mussten. Waschschüssel, Hilfsmittel, Sitzschale, barrierearme Wege, Zimmer, die am Ende doch nicht so barrierefrei waren, wie sie beschrieben wurden.
Aber wir sind gefahren.
Weil Daniela leben sollte. Und ihre Schwester auch. Weil Familie nicht erst dann Familie ist, wenn alles einfach ist.
Auf Mallorca kannte Daniela irgendwann den Barmann, die Bedienung, die Menschen dort. Sie wurde begrüßt, umarmt, gesehen. Es gab Momente, in denen es leicht wurde. Nicht, weil die Behinderung verschwand. Sondern weil Menschen nichts daraus machten, was zwischen ihnen stand.
Und dann gab es andere Momente. Orte, an denen man merkte, dass Barrierefreiheit manchmal nur ein Wort im Prospekt ist. Situationen, in denen man als Familie zwar ankommt, aber nicht wirklich gemeint ist.
Das tut weh. Bis heute.
Ich habe gern gearbeitet. Ich war Bürgerberaterin, später in der sozialen Betreuung, mit Menschen aus vielen Ländern, mit unterschiedlichen Geschichten. Vielleicht konnte ich dort auch deshalb gut zuhören, weil ich wusste, wie es ist, wenn man nicht gesehen wird.
Ich habe gelernt, dass jeder Mensch etwas trägt. Manche sichtbar. Manche ganz verborgen. Manche tragen einen Rollstuhl, andere eine Angst, eine Schuld, einen Verlust, eine Erinnerung, die nachts wiederkommt.
Von außen sieht man das nicht.
Man sieht eine Frau auf einem Sofa. Eine Rentnerin. Eine Mutter. Eine Ehefrau. Vielleicht sieht man auch nur ein Leben, das irgendwie weitergegangen ist.
Aber innen ist da so viel mehr.
Da ist die junge Frau, die nach einer Geburt allein gelassen wurde. Die Mutter, die ihr Kind nie weggegeben hätte. Die Ehefrau, die geblieben ist. Die Frau, die gekämpft hat, manchmal laut, manchmal müde, manchmal wütend. Die Mutter, die ein Kind verloren hat und trotzdem für das andere weiter lächelt. Die Frau, die abends liest, backt, spazieren gehen möchte, auch wenn der Rücken nicht mehr mitmacht. Die Frau, die weiß, dass Liebe nicht weich ist. Liebe kann schwer sein. Körperlich. Seelisch. Jeden Tag.
Und trotzdem trägt sie.
Später stehen wir auf dem Balkon. Unter uns liegt die Stadt grün und weit, als hätte sie nichts gehört von all dem, was gerade erzählt wurde. Marita schaut hinaus. In ihrer Stimme liegt Müdigkeit, aber auch etwas Ungebrochenes.
Sie hat keine perfekte Geschichte erzählt. Sondern eine menschliche. Eine, in der Liebe nicht glänzt, sondern arbeitet. Eine, in der Trauer nicht verschwindet, sondern mit am Tisch sitzt. Eine, in der ein behindertes Kind nicht weniger Leben bedeutet, sondern ein anderes Leben. Eines mit mehr Heben, mehr Kämpfen, mehr Fragen. Aber auch mit Lachen, Eigensinn, Lieblingsbüchern, Familienfeiern, Schwesternliebe und einem täglichen Gute-Nacht-Anruf.
Marita Hartmann hat nicht erklärt, was Menschlichkeit ist. Sie hat davon erzählt, indem sie gelebt hat.
Indem sie geblieben ist.
Indem sie getragen hat.
Indem sie ihre Tochter nie auf eine Behinderung reduziert hat.
Indem sie trotz allem weiter liebt.
Und während sie dort steht, zwischen Himmel, Stadt und Erinnerung, bleibt am Ende nur diese eine Frage:
Was heißt es für dich, Mensch zu sein?